Santiago

Noch 65 km. Unglaublich, aber wir leiden immer noch!

Marlene hat uns das arabische System des Glaubens geschildert. Man macht sich soz. eine Art innere Liste an Plus- oder Minuspunkten, die zum Paradies fuehren.

Dieses System hilft enorm, Schmerzen, Genervtheit oder Muedigkeit zu ertragen. Das gibt Punkte. Und es bringt uns ausserdem dazu, ueber uns zu lachen: Sehnenentzuendung und Blasen (Vera) : 20 Pluspunkte! Keine Lust zu laufen, zu packen, den Weg zu suchen (Nene): 25 Pluspunkte. Herberge schmutzig, Wetter zu heiss, Teerstrasse: Punkte werden diskutiert. Die Frage ist: gibt es auch Abzuege auf : sich amusieren auf einer Fiesta, Lachen, Nebel, ausreichend viele Bars auf dem Weg?

Mit der Zaehlei hatten wir heute viel Freude! Es gab etliche Abzuege fuer ein spaetes Fruehstueck in der Privatkueche eines gallizischen Bauernhofes mir selbstgemachter Wurst und Kaese, fuer cervesa con limon in einer Bar (Radler), fuer viel Gelaechter und Singerei und Pluspunkte fuer Schmerzen im Knie, Zerrung im Oberschenkel, heftigen Verkehr und Schlange auf dem Weg. (unsere Spanier meinten, man duerfe auf so eine keinesfalls treten!!! Als wollte man das je!)

Es wurde schliesslich so heiss, dass Nene und ich mit unseren Regenschirmen liefen, die wir als Sonnenschirme nutzten. Es sind zwei Kinderschirme in sehr bunten Farben und darauf marschieren Baeren im Regen, die "Saubaer" heissen. "Las locas Alemanes"! (die verrueckten Deutschen)

Schliesslich sind wir angekommen in Dos monxas, wo wir im Kloster naechtigen.

Morgen geht es wieder weiter, ob mit Blasen (jede Menge Pluspunkte!) oder ohne (keine Abzuege aus unserer Sicht!)

 En unos dias nos vamos a vernos. Soy muy feliz! 

Vera am 23.7.12 20:58, kommentieren

Gallizien

Auf Reisen oder auch im taeglichen Leben gibt es haeufig so etwas wie ein Prinzip. Zum Beispiel erlebt man immer mit einer Person etwas unerwartetes Schoenes. Oder immer eine Sorte von Projekt geht schief! Oder man findet eine Arbeit nie ueber eine Bewerbung.

Das Prinzip unserer Reise ist, dass Kirchen uns hier grundsaetzlich verschlossen bleiben. Ganz Asturien hat seine Kirchen abgesperrt - ja sogar speziell fuer uns abgesperrt. Kommt jemand in die Herberge und berichtet, dass es in diesem Dorf eine besonders schoene Kirche gibt, dann waren wir schon vorher da und hatten sie verschlossen gefunden. Wir laufen los und  - wen wunderts? - sie ist IN DIESEM MOMENT wieder zu.

Aber Jetzt, jetzt sind wir in Gallizien angelangt. Hier ist alles anders. Die Kirchen, die Gesellschaft (unsere Spanier aus Santoña haben sich uns angeschlossen) und vor allem die Umgebung:

Uralte Baeume saeumen unsere Hohlwege, manchmal verschwinden Wiesen in warmem Nebel. Es gibt viele kleine Bauernhoefe, die lebendig sind und deren Gaerten eingesaeumt von Schieferplatten oder uralten Steinmauern. Man ueberschreitet auf Bruecken, die oft nur aus einem oder zwei riesigen Steinplatten bestehen kleine Baeche.Wir laufen durch Eukalyptuswaelder, blicken auf die freundlichen Huegel um uns herum und fuehlen uns gesegnet von dieser Pracht.

Besonders ist aber auch der Singsang der Bewohner, die ja normalerweise gallego sprechen und nicht das uns bekannte Spanisch. Wenn sie sich auf Spanisch bemuehen, unsere Fragen zu beantworten, dann klingt das wie ein spanisch sprechender Italiener, der seine Gestik vergessen hat.

Und die Herbergen! eine Luxusherberge nach der anderen. Langsam bekommen wir wieder das Gefuehl, getragen zu werden von der Tradition der Pilgerei. 

Und natuerlich macht das, dass man beginnt - mit ein bisschen Abstand - nach zu denken ueber seine Familie, seine Freunde ueber Freuden und Leid - ueber eigenes wie auch ueber das Anderer. Auch unsere Traeume sind wild und intensiv.

Wir denken viel an euch, vor allem an dich, Mamachen!

Queria ir contigo en estes caminos aqui. Son romanticos y puedes sentir milles peregrinos de otros sieglos. Me encanta este tradicion. Se puede...vamos a ver!

raushier am 20.7.12 18:14, kommentieren

zu sich kommen...

Warum nur machen wir uns die Muehe, solch eine Plage auf uns zu nehmen? Schon am Morgen ,wenn ich mich von meiner haeufig schmuddeligen Matratze erhebe, wenn ich Nene murmeln hoere, dass sie einpacken hasst, wenn die Sehnen und Muskeln noch vom Vortrag ziehen und schmerzen, frage ich mich nach dem Sinn dieser Plagerei.

Laufen wir dann endlich, dann wird die Sache schon ein bisschen klarer. Bevor es richtig hell wird, veraendert sich der Himmel. Das schwarz weicht einem sehr intensiven dunklen blau. Dies ist der Moment,wenn die Farben wiederkehren.

Ein magischer Moment, der in einem alltaeglichen Leben selten wahrgenommen wird. In diesem Moment faellt die Temperatur spuerbar ab, man froestelt, geht schneller und denkt an nichts, als an einen schoenen heissen Milchkaffee. Vielleicht noch an den verwirrenden Traum, den man heute erlebte. Die Traeume auf dem Weg haben auch eine besondere Intensitaet!

Und dann ist man bei sich! Zu muede noch um zu sprechen. Alles tut weh. Vielleicht hat man Durst oder Hunger oder ginge gerne kurz pinkeln.

All das dient ganz wundersam dazu, ganz zu sich zu kommen. Das Leben zeigt sich in seiner totalen Einfachheit. Man moechte nachmittags ankommen, moeglicht etwas schoenes erlebt haben. Abends ein Bett, irgendwann Santiago. Dazwischen essen, Fuesse massieren, Leute treffen, die aehnliches tun und sobald ein Getraenk geschluerft ist wuenscht man sich ein Internetcafe - die wunderbare Verbindung zu einer Welt, die wir zu kennen glauben.

Alles was uns belastet, was wir lieben, rutscht zurueck hier auf dem Weg, verliert seine Wichtigkeit. Immer weniger faengt uns ein. Irgendwann muss man vermutlich damit aufhoeren,sonst verliert man sich im Jetzt und wird zu einem Blatt im Wind.Haltlos.

Aber uns halten eure Telefonate, eure Kommentare, eure mails und  SANTIAGO, unser Ziel.

Santiago nos tira y tira aunque no queremos mas caminar. Es un estado extraordinario. Ahora Santiago esta todavia lejos. Pero un dia vamos a llegar. Seguro. Es como una idea para muchas cosas que passan en nuestra vida. Me entiendes?

1 Kommentar raushier am 17.7.12 14:40, kommentieren