Alte Maenner

Zwei weitere Tage voller Schmerzen ud Blasen sind dahin gegangen. Schoen wird es immer erst, wenn das Tagesziel erreicht ist, es zu regnen beginnt, wenn man im Trockenen sitzt, der Schlafsack das Bett fuer die Nacht markiert und man ein kleines Glas Wein zu sich nimmt oder einen Milchcafe oder sonst irgendein Luxusgetraenk.

Gestern meinte ein Ire, er faende es so erleichternd, dass man keine Plaene machen muesse fuer den Tag - man geht einfach los, das wars. Steffi aus Thueringen sagte, sie faende es durchaus einmal erleichternd, nicht vor dem Kleiderschrank aussuchen zu muessen. Der Rucksack gibt das Dress des Tages vor, das das von gestern und vorgestern und... war.

Gestern stiessen Nene und ich auf einen der alten Maenner, die da immer herumwandern, stets auf der Suche nach einem kleinen Plausch.

Wie der Feldweg in die Tiefe da sei, der mit gelben Pfeilen markiert ist, fragen wir ihn. "Malo, malo!" (Schlecht!) "Ist er schmutzig? Schlammig? Trifft man auf Wasser?" - "Malo!" Mehr an Antwort hat er nicht auf Lager.

Wir gehen ihn trotzdem. Er ist schlammig, ganz unten fliesst ein Bach, aber was wir nicht wussten -malo -  man trifft auf einen Hund, der in der Mitte des Weges an einem Ast ueber ihm angebunden ist. Der Radius der Leine des Hundes ist so gross, dass man sich nur ganz knapp an ihm vorbeischleichen kann. Und das stoert den Hund ganz offensichtlich!

Er bellt, er keift, er rennt hin und her und er schnappt nach Marlene, die sich ziemlich erschreckt. Klar ist jetzt, dass wir keinesfalls mehr umkehren koennen. Malo, malo! Noch 10 Minuten faucht und bellt er uns hinterher.

Ich hoere Nene hinter mir wie ein kleines Maedchen vor sich hinsingen: " Der Hund ist so fies und ich so verschwitzt. Der Fuss tut mir wehh und hier gibts Spinnen und Muecken. Die Hose muss man jetzt waschen und auswringen, was ich nicht mahahag!" Endlich tauchen wir wieder aus dem Waldstueck empor und werden ab jetzt die Landstrasse nicht mehr verlassen - komme was wolle!

Die alten Herren sind so eine Sorte fuer sich. Ihr Spanisch ist fuer mich beinahe unverstandlich, aber die wollen einfach reden. Heute fing uns einer im Wald ab: Arbeitshose, Arbeitsjacke und im Kragen am Griff eingehaengt, hing ihm ein riesiger Regenschirm den Ruecken hinunter. Er zeigte uns einen "maurischen Friedhof " (weiss der Himmel, ob es sich bei der eingemauerten Wiese um einen Friedhof handelte) und lief schwaermend vor uns im Wald ("Ach wie schoen ist es hier im Wald" her. Wenn er sich uns zudrehte, dann konnte man an der Nasenspitze ein kleines Nasentroepferl haengen sehen. Ein faszinierende Anblick! Ich wartete staendig darauf, dass es herunterfallen wuerde und konnte mich noch weniger auf seine wenig verstaendlichen Worte konzentrieren.

Es gab noch etliche alte Maenner, die ihre nicht wenig begehrlichen Augen auf Marlene ruhen liessen, bis ich erklaerte, ich sei ihre Mutter: Warnender Unterton! Meist hatten sie sich dann wieder unter Kontrolle. Allerdings fanden sich in den Gespraechen doch einige wirklich gute Tips (Die Quelle hier ist fein und schmeckt nicht nach Chlor! Biegt nach der Tankstelle ab, dann habt ihr denn besten Blick! oder einfach nur : Malo, malo!)

Heute bleiben wir im schoenen Luerca, wo wir unseren Kopf auf ein reinweisses Kissen lagern und ein kleines Bad unser eigen nennen.

Ja, wir sind dankbar fuer die kleinen Freuden des Lebens.

Feliz cumleaños una otra vez. Hemos pensado en ti muchas veces. Tienes que acordarte, que vas a sentirte unos otros diez años mas joven!!!! Joven y libre! Tqm

1 Kommentar Vera am 14.7.12 20:16, kommentieren

Eukalyptus

An was denkt man, wenn man eigentlich nur irgendwie ankommen moechte?

Ich habe versucht mich abzulenken. Zumindest, wenn Nene und ich nicht gerade ein spannendes oder lustiges Gespraech fuehren.

Der Weg hier ist einsamer. Gestern haben wir nicht einmal einen anderen Pilger getroffen. Und geschleppt haben wir uns. Soo muede waren wir, dass wir bei der Ankunft uns auf das Bett warfen und erst mal schlafen mussten ( naturlich nach dem Duschen und Waersche waschen)

Ich habe mir die Baeume angesehen, die hier so wachsen. Diese Eukalyptusbaeume sind irgendwie sehr eigenartig. Die Blaetter den jungen Baeumchen, die wie Unkraut wachsen, sind weisslich blaugruen gefaerbt, beinahe blau. Sie sehen oval aus und ueppig. Ist daraus ein Baum geworden, so sind ihre Blaetter gruen, lang und schmal.

Wie kann eine Pflanze so unterscheiden zwischen jung und alt? Die jungen fallen sofort ins Auge - so wie junge Menschen auch. Die alten duften intensiver (tun wir aelteren Menschen das auch?) Sie duften sehr fein! Ein Eukalyptuswald am Morgen ist wie ein Duftbad.

Marlene, voller Wissen aus der Biologie sagt, dass Baeume nicht aufhoeren zu wachsen - ihr Leben lang! Bestimmt laesst sich das auch auf uns Menschen uebertragen: wir wachsen nicht mehr in die Hoehe, aber wir wachsen auf eine ganz andere Art und Weise und wenn wir es richtig machen, dann waechst der Platz in unserem Herzen.

 Jeden Tag sind wir sehr muede. Mit viel Glueck finden wir eine Bar auf dem Weg. Ein Milchcafe ist wie ein Wunder. Er gibt dir Mut und neue Kraft. Und dann fragt man sich, was es schon bedeutet, ein paar Blasen mehr zu haben.

Das Geheimnis des Ertragens und Leidens ist der eigene Entschluss. Bist du entschlossen, so kannst du sehr, sehr viel aushalten. Wurde es dir aufgedrueckt von aussen, vom Schicksal, wird alles sehr viel schwieriger. Wir haben gewaehlt und wir sind zufrieden!

Hay muchas situaciones quando me das energia con tus llamadas. Gracias y animo para ti  y tu familia!

1 Kommentar Vera am 12.7.12 17:43, kommentieren

die Fuesse, die Fuesse...!

Wie kann man das einfach so vergessen? Oder verdraengen?

Die Fuesse, die Fuesse tun so weh! Blasen, Blasen, die Sehnen, Huefte, Oberschenkel...

Und dass uns das regelrecht ueberrrascht...? Morgens sind wir frohen Mutes aus unserer Absteige in den Fruehstuecksraum gegangen, um ein paar Kekse zu uns zu nehmen, mit dem sicheren Gefuehl, dass wir eine kleine Etappe von 25 km zu bewaeltigen haetten. Kein Problem also!

Das einzig dumme war der Regen, der sich bei 16 Grad Aussentemperatur vom Nieseln ins Stroemen und wieder zurueckentwickelte.

Noch in Gijon passieren wir einen Laden fuer Farben aus dessen Tuer es nach Chemie riecht, genauer gesagt nach Impregnierspray.

Also rein und danach gefragt. Der Mann am Tresen laechelt erfreut und ein wenig geheimnisvoll und greift ins Regal. An der Unterseite des Sprays haengt der Schmutz von mind. 30 Jahren. Er putzt die Dose liebevoll unten, oeffnet den Deckel und macht den Spruehknopf ab, putzt wieder,montiert alles sorgfaeltig zusammen und reicht sie mir mit kleinem Nicken. Auf meine Frage, ob das Spray denn noch ok sei, nimmt er den Deckel ab und sprueht auf ein Papier, das sich komisch grau verfaerbt und meint, es sei so gut wie neu. Auf dem Etikett des guten Teils befinden sich Bilder, die an die 50ger, mit viel gutem Willen 60ger Jahre erinnern. "Es un regalo!" (Ist ein Geschenk) meint er dann und sagt, dieses Spray haette eine Geschichte.

Seither frage ich mich, ob wirs denn beutzen koennten. Ich meine jedes Ding hat seine Halbwertszeit. Was wenn sich nach dem Spruehen die Schuhe aufloesen?

Die Strecke heute ist beeindruckend!

Beeindruckend haesslich.

Mal befindet sich ein Kraftwerk rechts, mal Schwerindustrie links. Es raucht und dampft und droehnt und summt- dazwischen ein paar Umspannwerke. Als wir uns etwas unsicher nach dem Weg umsehen, haelt ein Auto an und ein aelterer Herr fragt uns : "Camino de Santiago?" - Nicken - "Da rechts rein und immer geradeaus!" Oben an der Autobahn ist Marlene sich sicher, dass der Seitenstreifen als Weg fuer Fussgaenger gedacht ist. Wir kehren trotzdem um. Lieber laufen wir an der Schnellstrasse entllang, wo die Laster sich geschwindigkeitsmaessig mal so richtig verausgaben.

Dank des Wetters sind die Hosen nass, die Schuhe dergleichen, die Rucksaecke und Anoracks schmuddelig und unsere Gesichter von hysterischem Gelaechter verzerrt.

Je weniger Spass das hier macht, dasto mehr tut man fuer sein Seelenheil. Daran haben wir keinen Zweifel. Und damit man nicht in Versuchung geraet, zu sich zu kommen, sind alle 5 Kirchen auf die wir heute stossen, fest abgeschlossen.

Trotzdem haben wir Aviles erreicht, uns geduscht, die Waesche zum Trocknen aufgehaengt ( die das hoffentlich bis morgen schafft) und weiterin fest entschlossen.

Es un rollo! Hemos olvidado el dolor de los pies y los alberghes simples. Pero vamos a seguir hasta Santiago. Y es un gran placer de caminar con mi hija tan divertido. Te llamo.

 

1 Kommentar Vera am 10.7.12 17:12, kommentieren